Jahrestagung Berufsbildende Schulen 2019, St. Ottilien

Digitalisierung, Disruption, Industrie 4.0, Digital Divide – Schafft sich der Mensch ab?
Zwei zentrale Ergebnisse haben sich im Laufe der Tagung herausdifferenziert: Ein klares Bekenntnis zum „realpräsenten“ Unterricht, und dass Industrie 4.0 weit mehr ist als die Entwicklung der industriellen Produktion.
Damit beantwortet sich die o. g. Frage, ob sich der Mensch mit der digitalen Revolution abschafft mit einem klaren „Nein“. Vielmehr ist der Mensch gefordert, sich der digitalen Entwicklung zu stellen und seine Profession vor diesem Hintergrund permanent auszubauen. Berufsbilder verändern sich, sie werden digitaler und damit werden weitere Kompetenzen als bisher nötig, um sich selbst einzubinden. Die Stichworte „mehr Eigenverantwortung“, „Flexibilität“, „flache Hierarchien“ geben den Takt vor. „Software regiert die Welt, wer Software nicht versteht, versteht die Welt nicht!“ Dieses Schlusswort eines Teilnehmers eröffnet deine grundlegende Perspektive: Der realpräsente Unterricht, das Dialogische des Lernens in seinem Prozess zwischen allen Beteiligten steht im Mittelpunkt. Fragen zu stellen, Probleme erörtern, nach Lösungen suchen…. Dieser Vorgang wird durch die digitalen Möglichkeiten „erfrischt“, manchmal erleichtert, aber nicht ersetzt. Und führt durch die Digitalisierung in neue Spannungsfelder. Mit diesen umgehen zu lernen, ist Teil der Auseinandersetzung im Unterricht. Dazu bedarf es einer Expertise, die sich durchaus Lehrer/-in und Schüler/-in teilen können. Die Demokratisierung des Lernens bekommt hier neue Impulse. Auf Dauer aber müssen die Lehrenden die Experten sein bzw. werden. Und dazu ist auch für sie ein lebenslanges Lernen nötig. Dass das von den Rahmenbedingungen an den Schulen unterstützt werden muss, ist Voraussetzung für die permanente Lehrerfortbildung – mit Herrn OStD Karlinger von der BS I, Augsburg, war ein Schulleiter dabei, der bei solchen Fragen wertvolle Perspektiven aus Sicht der (heute kollegialen, flach hierarchischen) Leitungsebene einer Schule einbringen konnte.
In der Vortragsphase am Freitagvormittag hat Herr Prof. Dr. Schwartz geschickt didaktisch elementarisiert dargeboten, was Industrie 4.0 heißen kann und ethisch anspruchsvolle Beispiele zur Diskussion gestellt. Damit bereitete er die oben angesprochene zweite Erkenntnis vor: In einem Teilnehmerfeld von 75 Lehrkräften kamen unterschiedliche Herangehensweisen, Verständnisse und Vorkenntnisse zur Sprache. Sollte der Begriff spontan bei Einzelnen zunächst auf die industrielle Produktion verengt gewesen sein, wurde dies zunehmend differenziert. Verwaltung, Berufsspezifika, Berufsbilder u. v. m. bis zu Themen wie Künstliche Intelligenz / Autonomes Fahren fallen darunter und erleben stetige Weiterentwicklungen. Wer hier zurückbleibt, die Software nicht versteht, wird die Welt tatsächlich auf Dauer nicht mehr „lesen“ können. Weit über die technischen Belange und Methoden geht hinaus, dass durch den Digitalisierungsprozess die alltägliche Wahrnehmung und das Verstehen der Welt massiv im stetigen Wandel begriffen sind.

Herr Prof. Dr. Schwartz (Honorarprofessor für Wirtschaftsethik an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Augsburg und Pfarrer der PG Mering) zeigte sich nicht nur als exzellenter inhaltlicher Experte, sondern gerade auch als dialogischer, kollegialer Referent, der „interaktiv“ und mit Witz sowie Pointierung die Aufmerksamkeit hoch hielt bei diesem komplexen Sachverhalt. Schwierige, zudem emotional besetzte Inhalte unterhaltsam, interessant und gleichzeitig verständlich durchdringend anzubieten, ist eine Kunst, die motiviert für die eigene Fortbildung und die Gestaltung des Unterrichts!
Als kongenialer Partner erwies sich im Fortgang der Tagung Herr Dr. Seitz, der am wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstuhl bei Prof. Lehmann als Assistent habilitiert mit Schwerpunkt Unternehmensführung und Entrepreneurship. Seine Qualifikation als ausgebildeter Coach und Strategie-Trainer konnte und musste er besonders am Samstag einsetzen: Die Arbeit in den Gruppen gestaltete sich aufgrund unterschiedlicher Grundhaltungen zum Thema als differenziert; dabeizubleiben, miteinander offen und kritisch zu besprechen, wie weiter zu verfahren sein sollte, fokussierte sich als ein Teil des Lernprozesses heraus und wurde von ihm mit Unterstützung des Tagungsleiters, StD i. K. Herrn Hörwick, gekonnt und mit Souveränität gehandelt – in divergenten Arrangements lernen wir, sie fordern uns auf allen Ebenen heraus! Und so konnten sich die eingangs genannten Thesen in dieser Arbeitsphase herauskristallisieren. Dass besonders der RU die zwischenmenschlichen Qualitäten nicht über digitale Lernplattformen, sondern als Teil der Schulfamilie im und über den Unterricht hinaus prägen muss, ist zwar einerseits eine Binsenwahrheit, aber diese muss immer wieder (im digitalen Entwicklungspro-zess der Gesellschaften) neu dekliniert und errungen werden. Dann wird sie zur Gewissheit, die nicht auf dem Altar der Software geopfert wird. Die Bedeutung der Schule als räumlicher, realer Ort des Lernens, der realen Begegnung und des Miteinander-Lebens konnte durch die Diskussionen in den AGs und im Plenum quasi neu gegründet und gefestigt werden. Dazu waren die gedanklichen Exkursionen aller Beteiligten von grundlegender Qualität! Ohne diese Auseinandersetzung durch alle Facetten der Digitalisierung unter der divergenten Überschrift „Industrie 4.0“ wäre die Binsenweisheit eine solche geblieben. Jetzt ist sie durchdifferenzierte Gewissheit! Auch wenn der Tagungsleiter seinen durchaus provozierenden Traum vom digitalen Lernen und Lehren von zu Hause aus ohne morgendlichen Stau im Berufsverkehr damit begraben musste…

Für die Wertschöpfung und für das Durchhaltevermögen, die Kollegialität auch in kritischen Momenten gebührt der Gruppe Dank! Genau hier zeigte sich, wie wertvoll ein Gegenübertreten „face to face“ im Gegensatz zu einem rein digitalen Austausch ist.
Dass St. Ottilien Ort der Rekreation, der Spiritualität und der Begegnung ist, muss eigentlich nicht (mehr) eigens erwähnt werden. Jedoch wird dieser eigene „Spirit“ jedes Mal wieder von den eingespurten Teilnehmern/innen neu erlebt und von denen, die zum ersten Mal dabei sind, hervorgehoben! Der Gottesdienst von Herrn Pfr. Schwartz am Freitagabend bot Einhalt in den Anstrengungen des Alltags und der Tagung, mit inspirierender Predigt - und von einem musikalischen Team gestaltet. Dank an Frau Dr. Jedlitschka, Frau Schäfer und Frau Gulasci! Das thematisch abgestimmte und Besinnung bietende Morgenlob führte uns am Samstag früh in den Tag, um neue Kraft zu schöpfen weit über St. Ottilien hinaus – Herrn Dr. Fischer „Vergelt´s Gott“ dafür! Ebenfalls am Freitagabend konnten wir unsere langgediente und verdiente Kollegin Frau OStRin Irene Prußeit ehren für ihre jahrzehntelange, ihren Schüler/-innen stets zugewandte schulische Arbeit im RU und zum Wohl der Schulfamilie (BS / BFS Günzburg): Sie wird am Ende des Schuljahres in den Ruhestand eintreten – Gottes Segen auf ihrem Weg!
Herr OStD Bernhard Rössner, Leiter der Abt. Schule und Religionsunterricht der Diözese Augsburg, unterstützt nicht nur fortwährend unsere Arbeit an den Beruflichen Schulen, sondern ist auch in diesem Jahr wieder in St. Ottilien gewesen: In seinen Statements wurde einmal mehr deutlich, dass der BSRU mit seinen hoch engagierten Lehrkräften eine besondere Wertschätzung erfährt und große Bedeutung im Bildungswesen hat.
Und ebenso wie immer dabei, last but not least: Dr. Ferdinand Herget, Leiter des Religionspädagogischen Zentrums Bayern, sowie Herr StD Biller (Fachmitarbeiter der Regierung Oberbayern) sind wichtige Gesprächspartner und Fachleute für den BSRU! Herr OStR Hattler, Fachmitarbeiter der Regierung Schwaben, musste sich leider kurzfristig entschuldigen.
Für Ihre engagierte Arbeit in diesen beiden Tagen, Ihr Da-Sein und die tägliche oft kräftezehrende schulische Arbeit ein herzliches Danke und Vergelt´s Gott! Wir sehen uns wieder in St. Ottilien 2020 am 15. / 16. Mai zum Thema „Bio-Design – Anfang, Verlauf und Ende des Lebens“ (vorläufiger Arbeitstitel), Referentin ist Frau Prof. Dr. Schlögl-Flierl, Lehrstuhl für Moraltheologie, Universität Augsburg.

 

© Meinrad Hörwick, Dipl. Theol., Referent für Berufsbildende Schulen, Diözese Augsburg, 07.05.2019